Berlin Syndrom

Die junge Australierin Clare (Teresa Palmer) ist als Backpackerin in Berlin unterwegs und fotografiert mit Vorliebe alte DDR-Bauten (aber was macht sie dann am Kottbusser Tor? Egal). Auf der Straße wird sie von dem deutschen Englischlehrer Andi (Max Riemelt) angesprochen. Die beiden verbringen Zeit und dann auch die Nacht miteinander. Nachdem Andi morgens zur Arbeit geht, bemerkt Clare verwundert, dass er sie in seiner Wohnung eingeschlossen hat.

Subtile Psychospiele und Machtkämpfe sind immer Teil von destruktiven Beziehungen. Klassiker solcher Plots, wie etwa „Die Katze auf dem heißen Blechdach“ (1958) demonstrieren, was sich Menschen an Grausamkeiten antun können, auch ohne physische Gewalt.

Wenn einer von beiden allerdings eingesperrt wird und der andere den Schlüssel hat, geht die Subtilitätsskala hoch bis zum Bluttrief-Horror, wie bei dem zu seiner Zeit umstrittenen Rape-Revenge-Klassiker „Extremities“ (1986), bei der Stephen-King-Verfilmung „Misery“ (1990), in der eine glühende Verehrerin ihren Lieblingsautor ans Bett fesselt oder auch bei Roman Polanskis Geständnis-Erzwingungs-Drama „Der Tod und das Mädchen“ (1994).

Berlin Syndrome (eine Anspielung auf das Stockholm-Syndrom) der australischen Regisseurin Cate Shortland hat eher keine ideologischen Hintergedanken, sondern ist ein gerader, klassischer Einsperr-Thriller. Gut gemacht, d. h. spannend und psychologisch glaubhaft. Er umschifft die meisten Ungereimtheiten, die man aus amerikanischen Thrillern ähnlicher Machart kennt und hält gut die Waage zwischen Schockeffekt und brodelndem Psychopathen-Terror. Stets zwischen der Macht des Täters und der Ohnmacht des Opfers ist dem Zuschauer nicht immer klar, was ehrlich und was manipulativ ist, was vorgetäuscht und was authentisch, wohl ebensowenig wie den Protagonisten selbst.

Dabei macht der Film nicht den Fehler, zu sehr ins Psychologisierende abzugleiten. Er bleibt bei seinen Leisten: Horror.

Wo er das nicht tut, hapert es etwas, aber nicht zu sehr. Die Szenen mit Andis Vater (Matthias Habich), die wohl dazu da sind, Andi als Mensch zu erklären, funktionieren so halbwegs. Auch das Heranziehen deutscher Stereotypen, der übergenaue Warum-trinkst-du-aus-meiner-Tasse-Biedermann, bei dem unter der Oberfläche der machtbessesene Psycho lauert, na gut. Für die Australier sind die Deutschen vielleicht so.

Fazit: Perfekter Horror-Thriller für einen romantischen Filmabend

„Berlin Syndrome“, Australien 2017, R. Cate Shortland, D. Teresa Palmer, Max Riemelt, Matthias Habich u.a.

Von |2018-11-29T23:18:15+00:005. Juni 2017|Film|