Die Karte meiner Träume

Das französische Regisseur-Gespann Marc Caro und Pierre Jeunet wurden Mitte der 90er mit den beiden absurd-düsteren Dystopien „Delicatessen“ (1991) und „Die Stadt der verlorenen Kinder“ (1995) zum Kult.

Danach trennten sich ihre Wege. Von Caro hörte man lange Jahre nichts, bis er den überraschend uninteressanten SciFi-Film Dante 01 über wahnsinnige Mörder auf einer Gefängnis-Raumstation drehte.

Jeunet ging nach Hollywood und schaffte es dem vierten Teil der Alien-Reihe Alien: Resurrection (1997) ein bisschen europäisches Autorenkino mit leicht ironischem Einschlag einzuhauchen. Seinen Durchbruch im Mainstream-Kino hatte er allerdings mit dem wieder in Frankreich produzierten Liebesmärchen Die fabelhafte Welt der Amélie. Der Film spaltet bis heute die Gemüter, die einen halten ihn für furchtbaren Kitsch, die anderen für zauberhaft, wobei letztere Stimmen eindeutig überwiegen.

Jeunets nächstes Projekt, das traurige Erster-Weltkrieg-Drama Mathilde – Eine große Liebe (2004) hatte dann nicht mehr viel von Amelie, auch wenn der Film sicherlich mit seiner trotz des Themas leichten, verspielten Machart wie auch visuell typisch Jeunet ist.

Genau wie die überdrehte Komödie Micmacs – Uns gehört Paris!(2009), wobei für mich der Funke bei dieser märchenhaften Geschichte über die Überführung böser Waffenhändler nicht wirklich übersprang.

Mit Jeunets neuestem, auf Englisch gedrehtem Film Die Karte meiner Träume (2013), im Original: The Young and Prodigious T.S. Spivet habe ich nun ein richtiges Problem. Ich hasste diesen Film ab Sekunde 5.

Auf einer Ranch weitab vom Schuss in Montana lebt das zehnjährige Erfinder-Wunderkind T.S. Spivet. Er fühlt sich von seinen Eltern (Helena Bonham Carter / Callum Keith Rennie) unverstanden und ungeliebt, seine ältere Schwester ist ein typischer Teenager. Über den Tod seines Zwillingsbruders, der sich aus Versehen erschossen hat, wird nicht gesprochen. Eines Tages ruft auf der Ranch das Smithsonian Museum an und teilt ihm mit, dass er einen Preis für eine seiner Erfindungen gewonnen hat, wobei sie natürlich denken, dass T.S. Spivet ein erwachsener Mann ist. Das junge Genie beschließt daraufhin alleine durch Amerika zu trampen, um seinen Preis selbst entgegenzunehmen.

In dem Film ist irgendwie alles viel zu niedlich. Das Drehbuch hat was von einer überzuckerten Süßspeise. Dann gibt es diese kleinen liebenswerten Details, und zwar regalweise, in Familienpackungen mit 30% zusätzlichem Inhalt. Im krassen Gegensatz dazu stehen die traurigen, traumatischen Momente, der Tod des Bruders, für den sich der Junge irgendwie schuldig fühlt. Beides fügt sich irgendwie nicht ineinander, sondern wirkt aneinandergeklatscht.

Das, was Amelie sehenswert gemacht hat, war, dass Jeunet sich selbst als Person mit einbrachte. Die Traumwelt von Amelie war zumindest zum Teil auch seine Traumwelt und dadurch wurde der Film authentisch. Die Traumwelt von T.S. Spivet fühlt sich an, als wäre sie auf dem Reißbrett für ein Fast-Food-Happy-Kids-Menue entworfen worden.

„Die Karte meiner Träume“, Frankreich/Kanada 2013, R. Jean-Pierre Jeunet, D. Kyle Catlett, Helena Bonham Carter, Judy Davis, Dominique Pinon u.a. Verleih: DCM.

Von |2018-11-30T19:09:47+00:003. August 2014|Film|