Sherlock Holmes

Geneigter Leser, es scheint, dass es manchen Figuren der Literatur mitnichten genügt, immer wieder neuen Generationen mit ihren Geschichten einen Bären aufzubinden. Es gibt da eine kleine Gruppe, die sich erdreistet, die Einbildungskraft stets aufs ganz Neue in unbotmäßiger Weise heraufzubeschwören. Entgegen aller Logik erheben sich diese Figuren aus ihren angestammten Seiten, verlassen die heimatlichen Gefilde ihres Autors, nur um sich zu noch aberwitzigeren Abenteuern aufzumachen, als sie ihr Schöpfer ohnedies schon für sie vorsah.

Hier soll es nun um solcherart Erlebnisse des Mannes gehen, dem diese wilden Phantastereien sicherlich selbst ein Dorn im Auge gewesen wären, hätte er denn je gelebt: Sherlock Holmes.

Wahrlich, schon zu Lebzeiten des ehrwürdigen Sir Conan ersannen andere Autoren neue Geschichten um den Meisterdetektiv, darunter nicht wenige Verballhornungen. Man denke nur an Douglas Fairbanks als koksenden Coke Ennyday in der Stummfilm-Komödie The Mystery of the Leaping Fish von 1916. An Buster Keaton in dem Einsteiger-Klassiker Sherlock Jr. (1926), in dem allerdings wenig mehr als der Name auf unseren Helden hinweist.

Aber auch danach ging es in ähnlicher Weise fort, zeigten doch 1937 die beiden Hochstapler Hans Albers und Heinz Rühmann in dem Lustspiel Der Mann, der Sherlock Holmes war, was man den Leuten mit einer Geige und dem richtigen Umhang alles weismachen kann.

Besondere Hochachtung genießen selbstverständlich Basil Rathbone als Holmes und Nigel Bruce als Watson, die von 1939 bis 1945 die beiden Charaktere für alle Nachfolger prägten, obwohl doch ihre Erlebnisse in der Mehrzahl neu erdachte Geschichten waren, die Sherlock vom viktorianischen Zeitalter in den zweiten Weltkrieg transponierten und ihn dort Nazis entlarven ließen.

Naheliegender, vielleicht eine Spur zu naheliegend, war es da schon, das Duo auf die Jagd nach Jack the Ripper zu schicken, so geschehen in Sherlock Holmes‘ größter Fall (A Study in Terror, 1965) und Mord an der Themse (Murder by Decree, 1979), allerdings enttäuschenderweise nicht in The Case of the Whitechapel Vampire (2002).

Eine deutsche Produktion mit Christopher Lee bediente 1962 hingegen das nach Edgar Wallace gierende Publikum mit Sherlock Holmes und das Halsband des Todes, wahrlich kein bemerkenswerter Film.

Aber es waren nicht nur die Fälle, die neu erfunden wurden, auch dem Hintergrund des kriminalistischen Großmeisters wurde auf den Zahn gefühlt, ich erinnere nur an Billy Wilders amüsantes Das Privatleben des Sherlock Holmes (The Private Life of Sherlock Holmes (1970) oder auch an das bizarre Kein Koks für Sherlock Holmes (The Seven-Per-Cent Solution, 1976), in dem ein kokainsüchtiger, von Wahnvorstellungen geplagter Holmes auf Sigmund Freud trifft, der herausfindet, dass Moriaty kein Verbrecher, sondern der heimliche Liebhaber seiner Mutter war. Und wenn wir gerade bei bizarr sind, auch von The Adventure of Sherlock Holmes‘ Smarter Brother (1975) mit Gene Wilder sollte der devote Kenner gehört haben.

Selbstverständlich wird einem auch ein Blick auf das Leben des jugendlichen Sherlock gewährt. Für Liebhaber eines betulichen britischen Kinder-Serien-Charmes gibt es Young Sherlock: The Mystery of the Manor House (TV-Serie, 1982). Bessere Special Effects und allerlei Übernatürliches gibt es in dem von Steven Spielberg produzierten Das Geheimnis des verborgenen Tempels (Young Sherlock Holmes, 1985), in dem sich Holmes und Watson schon als Teenies treffen. Schließlich, wieder realistischer, aber dafür mit Sex und Drogen, ein „Leben und leben lassen“-Lehrling-Detektiv: Sherlock: Case of Evil (2002). Auch eine kanadische Serie lässt sich in diesem Zusammenhang nicht verschweigen: The Adventures of Shirley Holmes (1997-2000) – die Urgroßnichte löste jugendfreie Rätsel nach Sherlock-Manier.

Noch gemächlicher war freilich Disneys Zeichentrickfilm Basil, der große Mäusedetektiv. Dann doch lieber die Komödie Genie und Schnauze (Without a clue, 1988) mit Michael Caine und Ben Kingsley. Hier ist Watson das Genie und Sherlock ein aufgeblaßener Trottel.

Was sagen Sie? Die Gesetze der Natur wurden bis jetzt noch nicht in übermäßiger Weise gedehnt wie es einem fantastischen Magazin zukommt? Wohlan, man richte den Blick auf The Return of Sherlock Holmes (1997), in dem unser schockgefrosteter Meisterdetektiv von der Urenkelin Dr. Watsons in Amerika aufgetaut wird. Ähnliches widerfährt ihm in 1994 Baker Street: Sherlock Holmes Returns (1993), allerdings scheint mir hier Sherlocks Persönlichkeit etwas unter der Tiefkühlung gelitten zu haben.

Und wenn wir schon dabei sind, in der britischen Zeichentrickserie Sherlock Holmes in the 22nd Century (1999-2001), focht eine Nachfahrin von Inspektor Lestrade heldenmutig gegen einen Klon von Moriaty unter Mithilfe eines wiederbelebten Sherlock Holmes, dessen Körper in Honig präserviert wurde, zusammen mit einem Roboter namens Watson. Der Hund von Baskerville ist ein Werwolf auf dem Mond. Eine um Werktreue versessene Umsetzung.

Natürlich gibt es auch etliche Kurzgeschichten, Romane, Comics und Videospiele, die solchen Hirngespinsten in nichts nachstehen: „Sherlock Holmes’s War of the Worlds“, ein Crossover mit H. G. Wells‘ Krieg der Welten von Manly Wade Wellmann, Neil Gaimans Kurzgeschichte „A Study in Emerald“, ein Crossover mit H. P. Lovecrafts Cthulhu-Mythos, Loren D. Estlemans „Sherlock Holmes vs. Dracula“ oder auch der Comic „Victorian Undead“, der Sherlock inmitten einer Zombie-Epidemie agieren lässt.

Einer breiteren Öffentlichkeit bekannt sein (zumindest jenen, die das hier lesen) dürfte auch die Faszination des Enterprise-Androiden Data für das Detektiv-Genie, in der Star-Trek-Episode Elementary, Dear Data von 1988 darf er sogar gegen eine originalgetreue Holodeck-Kopie von Moriaty antreten. Überhaupt deucht es mir, dass Sherlock ein beliebtes Ausflugsziel für Zeitreisende zu sein scheint.

In Deutschland waren über die Jahrzehnte hinweg Hörspiel-Fassungen der Sherlock-Fälle recht populär, insbesondere mit Peter Passetti in der Titelrolle. Neu erdacht waren die Abenteuer der Denkmaschine Professor Dr. Dr. Augustus van Dusen, ein ursprünglich von dem mit der Titanic untergegangenen Jacques Futrelle erdachter Sherlock-Klon, den Michael Koser, begleitet von seinem Gefährten Hutchinson Hatch, von 1978 bis 1999 etlichen kniffligen Kriminalfällen entgegensandte. Beliebt ist die Denkmaschine bis zum heutigen Tag, wie man an einer neuen Hörspiel-Serie sehen kann, in Sherlock Holmes & Co treten Sherlock und van Dusen beide auf, um neue, aber typische Fälle zu lösen.

Überhaupt tut sich in jüngster Zeit viel bei dem Gespann Holmes & Watson: da sind die beiden Filme von Guy Ritchie von 2009 und 2011 mit Robert Downey, Jr. und Jude Law mit unbestreitbarem Action-Fokus – man darf einen dritten Teil erwarten. Aus Versehen sah ich auch den Mockbuster Sir Arthur Conan Doyle’s Sherlock Holmes (2010), selbst für „The Asylum“-Standards kein Highlight.

Da ist außerdem die amerikanische Serie Elementary (2012-) mit Lucy Liu als Joan Watson und Jonny Lee Miller als Sherlock, der allerdings doch eher wie jemand wirkt, der sich einbildet, er sei Sherlock Holmes, außerdem sind die Fälle banalste Krimi-Kost.

Äußerst gelungen, jedenfalls meiner bescheidenen Meinung nach, ist hingegen die BBC-Serie Sherlock (2010-) mit Benedict Cumberbatch und Martin Freeman, deren dritte Staffel gerade in Großbritannien ausgestrahlt wird. Die Serie schafft es, den ursprünglichen Sherlock ins 21. Jahrhundert zu wuchten, mit Handy und allem, was einem neo-viktorianischem Gentleman so ansteht, dabei aber trotzdem das Flair (und stellenweise auch die Handlung) des Originals zu bewahren. Am Ende der zweiten Staffel starb Sherlock scheinbar nach einem Sturz von einem Hochhaus tauchte dann aber doch wieder auf – hört, hört, man erinnere sich wie weiland der echte Sherlock nach dem Sturz in die Reichenbach Falls wiederkehrte. Wie sich alles zugetragen hat, erfährt das gespannte Publikum in der letzten Folge der dritten Staffel (oder vielleicht doch nicht).

Die ersten beiden Staffeln (6 Folgen) waren bei uns in der ARD zu sehen. Die dritte Staffel von Sherlock erscheint auf Englisch am 20. Januar auf DVD.

Von |2018-11-30T19:17:01+00:009. Januar 2014|Feature|