Perry Rhodan

(Hintergrundbild: Copyright: Pabel-Moewig Verlag GmbH, Illustration: Dirk Schulz)

Am 8. September 1961 wurde an deutschen Kiosken zum ersten Mal, mit einer Startauflage von 35 000 Stück, eine neue Heftromanserie verkauft, die Geschichte schreiben sollte: „Perry Rhodan – der Erbe des Universums“. Und wer das Heft aufschlug, konnte folgenden Satz lesen, mit dem das Abenteuer begann: „Im Zentral-Hauptbunker der Nevada-Fields, dem elektronischen »Nervensystem« des Raumhafens, herrschte die sinnlos erscheinende Emsigkeit der allerletzten Startvorbereitungen.“

Es sind die Startvorbereitungen des Raumfluges, der den amerikanischen Major Perry Rhodan und sein dreiköpftiges Team als erste Menschen zum Mond befördern wird. Wir schreiben das Jahr 1971, sind also 10 Jahre in der Zukunft. Nach einer ruppigen Notlandung auf dem Mond versuchen die Vier zunächst herauszufinden, wer der Urheber der Störsignale ist, die ihre Funkverbindung zur Erde unterbrochen haben, und stoßen dabei schließlich auf ein riesiges außerirdisches Raumschiff, das auf der Rückseite des Mondes eine Bruchlandung hingelegt hat. Im Innern treffen sie auf die humanoide Rasse der Arkanoiden, deren Technologie der menschlichen weit überlegen ist. Der todkranke arkonidische Wissenschaftler Crest versorgt sie mit einem Apparat, der die Atomwaffen der gesamten Erde unschädlich machen und damit den drohenden dritten Weltkrieg abwenden kann. Perry Rhodan, der sich nun nicht mehr nur der USA, sondern der ganzen Welt verpflichtet fühlt, kehrt mit Crest auf die Erde zurück, entschlossen mithilfe der außerirdischen Technologie eine dritte Weltmacht in der Wüste Gobi zu errichten und der Menschheit den Frieden zu bringen. So endete das erste Heft.

Heute, 50 Jahre später, läuft die Serie immer noch, und zwar seit dem Start ohne Unterbrechung. Im wöchentlichen Turnus wird die Geschichte weitergeschrieben, inzwischen wurde das Heft 2612 erreicht und der mittlerweile unsterbliche Perry Rhodan erlebt seine Abenteuer nun im Jahr 5056 nach Christus. Die Gesamtauflage aller Auflagen und Ableger wird allein im deutschsprachigen Raum auf weit über eine Milliarde geschätzt.

Die Serie, die ursprünglich nur aus 30 bis 50 Heften bestehen sollte, war von Anfang an ein riesiger Erfolg. Bereits in den 60ern bildeten sich hunderte Fan-Clubs und es entstand die trashige, von Fans wenig geliebte Verfilmung „SOS im Weltraum“. Durch den Erfolg motiviert kamen auch eine ganze Reihe ähnlicher Heftserien wie die von den Perry-Rhodan-Autoren Kurt Brand bzw. H. G. Francis entwickelten Reihen ‚Ren Dhark‘ und ‚Rex Corda‘, sowie in den 70ern die weniger erfolgreiche Nachahmer-Serie „Commander Scott“ auf den Markt. Aber auch die 1966 entstandene Fernsehserie „Raumpatrouille – Die phantastischen Abenteuer des Raumschiffs Orion“, die heutzutage Kultstatus genießt, war offensichtlich an Perry Rhodan angelehnt.

Den Höhepunkt ihrer Beliebtheit erreichte die Serie allerdings Anfang der 80er, als jede Woche, neben der aktuellen Folge, vier verschiedene Neuauflagen älterer Hefte zu haben waren und Europa eine Hörspielserie veröffentlichte. Aber auch heute noch ist die Reihe mit 80 000 verkauften Exemplaren pro Woche (dazu kommen noch Taschenbuch-Editionen, Hörbücher und andere Ableger) die erfolgreichste Heftserie in Deutschland.

Dieser immense Erfolg steht im krassen Gegensatz zu der traditionellen Behandlung der Serie in den etablierten Medien, so überschrieb noch Anfang August Die Zeit ihren Artikel zum 50. von Perry Rhodan zum Entsetzen der Fans zunächst mit „Der Ersatz-Hitler aus dem All“ – der Titel wurde aufgrund der Proteste zwischenzeitlich zu „Der Weltraum als Modelleisenbahn-Keller“ geändert, was zwar weniger daneben, aber eben nicht weniger herablassend ist. US-amerikanische Science Fiction, die sich inhaltlich auf ähnlichem Terrain und Niveau beweggt („Star Trek“, „Star Wars“) wird respektvoller gewürdigt.

Die Ablehnung von Groschenromanen als Genre ist natürlich kein neues Phänomen. 1908 erschien zum ersten Mal „Der Luftpirat und sein lenkbares Luftschiff“, der als erster deutscher SciFi-Heftroman gilt. Er beschreibt die Erlebnisse eines an Jules Vernes Kapitän Nemo angelehnten Charakters, der Abenteuer auf der Erde und im Weltraum erlebt. Im Rahmen des „Schmutz- und Schund-Kampfes“ wurde die Serie 1912 verboten. Der Beliebtheit derartiger Literatur tat das allerdings keinen Abbruch, wie die Flut von Abenteuer-Heftromanen, wie „Hans Stark, der Fliegerteufel“ (1914-19) oder „Phil Morgan – Der Herr der Welt“ (1921-22), in den folgenden Jahren zeigt. Sehr erfolgreich, bis hin zu Neuauflagen nach dem Krieg war auch die Heftserie Rolf Torring’s Abenteuer (1930-39) und deren Ableger Jörn Farrow’s U-Boot-Abenteuer (1932-39), dort erlebten die Helden in futuristischen Gefährten Abenteuer mit (für damalige Zeiten) exotischen Völkern an exotischen Orten – ein Konzept, das Perry Rhodan dann später in den Weltraum verlegte.

Sehr großen Einfluss hatte auch die von Paul Alfred Müller konzipierte Heftserie „Sun Koh“ (1933-36) über den bronzeäugigen Prinzen und letzten Überlebenden von Atlantis – eine ganz ähnliche Figur („Atlan“) spielt auch eine zentrale Rolle bei Perry Rhodan und hatte von 1969-88 sogar eine eigene Heftserie. Paul Alfred Müller sollte ursprünglich auch bei Perry Rhodan mitschreiben, was dann aber wegen inhaltlicher Differenzen nicht zustande kam.

Erwähnenswert sind auch die SciFi-Comic-Serien jener Jahre, wie „Fulgor, der Weltraumflieger“ (1953-54) oder „Nick der Weltraumfahrer“ (1958-1963), in denen fremde Galaxien besucht und Alien-Invasionen abgewehrt wurden.

Nach dem Krieg dominierten allerdings SciFi-Heftserien, die dem deutschen Publikum vor allem amerikanische Science Fiction präsentierten, allerdings oft in stark gekürzter Form, wie die Veröffentlichungen „UTOPIA Zukunftsroman“ (1953-68) oder „Galaxis Science Fiction“ (1958-59).

Trotz des offensichtlichen Einflusses anglo-amerikanischer Weltraum-SciFi ist Perry Rhodan dann aber doch in vieler Hinsicht ein durch und durch deutsches Produkt, eben genauso deutsch wie Jerry Cotton oder John Sinclair.

Schon allein die Tatsache, dass die Serie es schaffte, über 50 Jahre ein in sich konsistentes Universum weiterzuentwickeln, etwa mit detailreich beschriebenen Generationen von Raumschiffantrieben (inklusive Risszeichnungen), hat was von deutscher Gründlichkeit. Auch die Ämter, die Perry Rhodan während seines langen Lebens so innehat, wie „Großadministrator des Solaren Imperiums“ oder „Sonderbeauftragter des Galaktikums für die Polyport-Domäne“ klingen alle ein bisschen nach Verwaltungsfachdirektor Erster Klasse Bereich A-F. Helden wie Flash Gordon oder Buck Rogers sind im Gegensatz dazu eher Männer fürs Grobe, die auf der Seite des Guten gegen das Böse kämpfen, während Perry als offizieller Vertreter der Menschheit auf der Seite der Mächte der Ordnung den Mächten des Chaos gegenübertritt.

Typisch für das „Perryversum“ ist die Geradlinigkeit, mit der die Evolution der Menschheit entworfen wird, als ob man die Gegenwart mit einem Lineal in die Zukunft verlängern würde. Die beschriebene Fantasie-Technologie ist „größer“ und „besser“ als das, was wir schon haben, aber eben nicht wirklich qualitativ anders. Auch die außerirdischen Wesen sind eigentlich immer, wie bei Space Operas üblich, stilisierte menschliche Völker mit bestimmten extremen Charakterzügen oder zusätzlichen Fähigkeiten. Abseitiges, Bizarres, Grenzüberschreitendes sucht man in der Serie vergebens – in dieser Hinsicht ist Perry Rhodan ein typischer Heftroman, der jede Woche ein, zwei Stunden Flucht aus der Realität in eine „heile“ Parallelwelt für ein Massenpublikum bereitstellen muss. Wobei mit „heil“ gemeint ist, dass diese Welt nach durchschaubaren, festen Regeln funktioniert, was ja die Wirklichkeit meist nicht zu bieten hat.

In den Anfangsjahren dominierten kriegerische Auseinandersetzungen mit böswilligen Aliens, wie etwa die Abwehr der Invasion der arroganten wespenähnlichen Individual-Verformer oder der Kampf gegen die mitleidlosen echsenähnlichen Topsider. Ein Monitor-Beitrag in der ARD von 1969 warnte dann auch die Jugend mit Schaum vorm Mund vor derartigem Schund, der „an niedrigste Instinkte“ appelliere und „kleinkarierte Liebe zur Diktatur und zu Kriegsabenteuern“ darstelle. Die Serie wandelte sich allerdings und wurde in den 70ern unter dem neuen Chefautor William Voltz sehr viel friedlicher, um nicht zu sagen hippie-mäßiger (nicht dass das an der Einordnung als „primitives Machwerk“ (Spiegel, 6/1978) etwas geändert hätte). Erst Ende der 80er wurde dieser philosophisch-esoterische Einschlag der Serie wieder durch mehr traditionellere Action-Storys aufgelockert.

Die definitorische Kluft zwischen „trivial“ und „anspruchsvoll“, der sich in Deutschland auch jedes Werk der Science-Fiction stellen muss, führte dazu, dass Perry Rhodan einen sehr großen Einfluss in den Gebieten entfaltete, die „apriori“ nicht als anspruchsvoll galten. In den 70ern und 80ern gab es etwa massenweise Jugendromane, die Namen wie „Alarm im Weltraum“ oder „Planet des Grauens“ hatten, bekanntere (und ambitioniertere) Reihen waren „Mark Brandis: Weltraumpartisanen“ oder Lothar Streblows „Raumschiff Pollux“ und „Raumkreuzer Runa“.

Auch kommerzielle SciFi-Hörspiele dieser Zeit, die in der Regel auch für ein junges Publikum konzipiert waren, atmen zumeist den Geist von Perry Rhodan, wie etwa „Commander Perkins“ von H. G. Francis oder „Jan Tenner“, in denen Angriffe von anthropomorphen Aliens abgewehrt oder dieselben mit Super-Raumschiff oder Dimensionsbrecher besucht werden.

Im Gegensatz dazu stehen die „anspruchsvollen“ SciFi-Radiohörspiele der 70er, die mit Perry Rhodan absolut nichts zu tun haben wollten, wie z.B. die Produktionen von Horst Zahlten oder Eva Maria Mudrich, bei denen mögliche moralische Dilemma zukünftiger technologischer Entwicklungen oder deren (negative) gesellschaftliche Auswirkungen thematisiert wurden. Vieles davon wirkt heutzutage ziemlich an den Haaren herbeigezogen (Wenn man ein Gehirn von Person A nach Person B verpflanzt, welchen Namen schreibt man dann in den Pass?) oder doch sehr bemüht auf soziale Relevanz getrimmt. Das Abseitige, Bizarre, Grenzüberschreitende sucht man dort auch irgendwie vergebens.

Auch das Autorenkino dieser Zeit hatte, soweit es sich mit SciFi befasste, mit Perry Rhodan nichts am Hut, wie man an Rainer Erlers Klassikern „Das blaue Palais“ oder „Operation Ganymed“ gut sehen kann. Eine Ausnahme ist Alexander Kluges „Willi Tobler und der Untergang der 6. Flotte“, dessen Handlung als satirische Anspielung auf Perry Rhodan durchgehen könnte.

Heutzutage hat Perry Rhodan den Status von etwas, das es quasi schon immer gab, allerdings auch nur eine verschrobene Minderheit interessiert. Heftromanserien sind ja insgesamt im Aussterben begriffen. Auch die Wahrnehmung der Medien ist um einiges wohlwollender und liebevoller geworden (wenn man nicht gerade für Die Zeit schreibt).

Der zum 50. Geburtstag entstandene und von Arte und ZDF mitproduzierte Dokumentarfilm „Perry Rhodan – Unser Mann im All“ zeigt das sehr deutlich. In ihm wird Hardcore-Fans, die seit Jahrzehnten Rhodans Raumschiffe als Modelle nachbauen oder 13-Jährigen, die die Handlung der ersten Hefte erläutern, sehr viel Platz eingeräumt. Auch die Autoren kommen zu Wort und dürfen hinter vorgehaltener Hand schelmisch „also so trivial ist es gar nicht“ sagen, aber der Film nimmt Perry Rhodan eben doch nicht als kulturelles Phänomen ernst und betont die hermetische Abgeschlossenheit der Serie und der Fangemeinschaft, ohne historische oder inhaltliche Verbindungen zu anderer Science Fiction herzustellen.

Irgendwie scheint das dem Erfolg und Einfluss der Reihe nicht gerecht zu werden und man möchte den Leuten Dinge sagen wie: „Hey, sogar Andreas Eschbach hat schon mehrere Hefte als Gastautor verfasst.“

Die Macher der Reihe schreiten jedenfalls unbeirrt weiterhin mit der friedlichen Eroberung des Weltraums fort. Ende September startet ein Reboot; in den neu geschriebenen Geschichten fliegt Perry Rhodan noch einmal zum Mond und trifft dort noch einmal die Arkoniden, diesmal geht’s im Jahr 2036 los. Die alte Heftserie läuft selbstverständlich weiter.

Die Dokumentation ‚Perry Rhodan- Unser Mann im All‘ ist derzeit im Kino zu sehen. Deutschland 2010, Buch & Regie: André Schäfer, mit Rainer Stache, Denis Scheck, Josef Tratnik, Leo Lukas, Michael Marcus Thurner u.a., 94 min.

Von |2018-11-30T18:40:25+00:0011. September 2011|Feature|