Metropolis

Zum ersten Mal sah ich Metropolis Mitte der 90er in einem Kinomuseum in London. Von der Live-Klavierbegleitung ist mir noch lebhaft in Erinnerung, dass der Klavierspieler zwar mit Begeisterung, aber immer leicht asynchron zur Handlung in die Tasten gehauen hat. Auch fehlten bei der Fassung ganze Szenen, sodass man sich mit ziemlichen Handlungssprüngen abfinden musste. Konsequenterweise hatte der Film dann auch einige Lacher im Publikum.

Seitdem hat sich eine Menge getan. Wer sich den Film heutzutage im Kino anschaut, kann eine weitaus bessere Qualität (mit digital restauriertem Bild und Orchestersoundtrack) erwarten, als sie selbst die Zuschauer 1927 geboten bekamen – d. h. die wenigen, die ihn damals gesehen haben, denn der Film war, als er zum ersten Mal herauskam, ein gewaltiger Flop. Der Aufwand und damit die Produktionskosten des Films waren immens und das finanzielle Desaster für die UFA damals eine schwere Belastung. So versuchte der amerikanische Verleih Paramount zu retten, was zu retten war, kürzte den Film und schnitt ihn neu, allerdings wieder ohne kommerziellen Erfolg in Deutschland oder Übersee.

Der Film hatte dann das Pech, dass er den Nazis außerordentlich gut gefiel. Die monumentale Architektur der Stadt Metropolis, die muskulösen Körper, die im Rhythmus der Maschinen funktionieren und die Massen angsterfüllt kreischender Kinder, die ihre Hände dem Erlöser entgegenstrecken – genau diese Ästhetik war es, die die Nazis anmachte und Filme wie Riefenstahls „Triumph des Willens“ oder „Olympia“ mitinspirierte. In einem Interview mit William Friedkin erzählte Fritz Lang 1975, wie Goebbels ihn 1933 sogar zum Leiter der Reichsfilmstelle machen wollte.

Faschistisch ist Metropolis aber nicht, der Film propagiert schon eher Frieden und Harmonie für alle. Erzählt wird eine Art Heldenlegende mit bis zum Anschlag stilisierten Charakteren. Wenn etwa der Held Freder, eine Mischung aus Buddha und Jesus, ständig vor lauter Mitleid mit den geschundenen Arbeitern auf die Knie sinkt und sich ans Herz greift, dann dürfte das auch in den 20ern schon etwas überspannt gewirkt haben.

Die Monumentalästhetik dieser Prägung war nach dem Krieg diskreditiert und ist es bis heute, der Film ist aber auch mit Haut und Haaren expressionistisch und damit auch in seiner Emotionalität „absolut“ und „total“, und das waren nun wirklich Gefühlsregungen , die nach 1945 niemand mehr haben wollte.

Das lauwarme deutsche Kino der Nachkriegszeit konnte deshalb mit ihrem expressionistischen Erbe nicht mehr viel anfangen, das betraf nicht nur Metropolis, sondern auch Filme wie „Nosferatu“ oder „Das Cabinet des Dr.Caligari“.

Nicht dass sich jemand irgendwo auf der Welt in den 50ern nochStummfilme angeschaut hätte. Aber etwa im amerikanischen Film gibt es eine ununterbrochene Linie von Filmen, die sich aufeinander beziehen. So ist etwa „Ben Hur“ (1959) mit Charlton Heston, der bis heute den Rekord für die meisten Oscars hält, ein ziemliches 1:1-Remake des Stummfilms „Ben Hur“ (1925). Andere Klassiker wie „Zorro“ mit Tyrone Power, „Robin Hood“ mit Errol Flynn oder „Die drei Musketiere“ mit Gene Kelly sind Remakes von Stummfilmen mit Douglas Fairbanks, denen man ihre Orientierung am Original deutlich anmerkt. Fairbanks war der eigentliche Erfinder der Figur des spritzigen, gut aufgelegten Haudegens. Obwohl man seinen Einfluss unschwer auch noch in Filmen wie „Indiana Jones“ oder „Piraten der Karibik“ ausmachen kann, bezogen diese Filme ihre Inspiration wohl von sehr viel jüngeren Filmen.

Diese Linie gibt es im deutschen Film nicht, wenn man von Remakes von grobschlächtigen Komödien wie „Kohlhiesels Töchter“ (1920) einmal absieht. So ein bisschen schade ist das schon, denn die 20er waren mit Sicherheit die große Zeit des deutschen Films und die oben genannten deutschen Klassiker tauchen regelmäßig auch auf internationalen „Best of“-Filmlisten auf.

Damit soll nicht gesagt werden, dass Metropolis kein einflussreicher Film wäre. Ästhetische Anleihen finden sich in Filmen wie „Blade Runner“, „Das fünfte Element“, „Stargate“, „Tim Burtons Batman“ und vielen anderen.

Dann gibt es da noch die Metropolis-Version von Giorgio Moroder von 1984, 80 Minuten lang (die 2010er-Version läuft 145 Minuten), bunt eingefärbt und mit 80er-Pop unterlegt – nichts für Puristen, aber zu seiner Zeit recht populär und die Musikvideos „Radio Ga Ga“ von Queen und“Express yourself“ von Madonna. Nicht zu vergessen der neue Techno-Metropolis-Soundtrack von Jeff Mills aus dem Jahr 2000. Ich würde aber trotzdem behaupten, dass Metropolis praktisch keinen Einfluss auf den deutschen Film hatte.

Die Hand voll Filmbegeisteter, die sich Metropolis letzte Woche in der gleichen Vorstellung wie ich anschauten, waren teilweise altersbedingt mit dem Rollstuhl gekommen und ich war mit Mitte 30 einer der Jüngsten im Kino.

Das ist wenig überraschend, denn Stummfilme sind nun mal von ihrer Ästhetik und Machart her nicht das, was das Publikum heute erwartet. Metropolis dementsprechend mehr so etwas wie ein archäologischer Fund. Sehr wichtig für Historiker, „Den Namen sollte man mal gehört haben“-Wissen für den Rest.

Dabei könnte doch „Metropolis“ mit seiner Alles-oder-nichts-Gefühlswelt eine Art verbindendes Element zwischen kopflastigem Autorenkino und RTL Event Movie sein. Ja, so müsste es sein! Und bei diesen Worten fall ich auf die Knie, greife mir mit der Linken ans Herz, recke die Rechte gen Himmel und rufe aus:

„Der Mittler zwischen Hirn und Händen muss das Herz sein!“

‚Metropolis‘ ist derzeit im Kino zu sehen, eine DVD-Ausgabe der restaurierten Version ist für Ende des Jahres vorgesehen.

Von |2018-11-30T18:25:26+00:006. Juni 2011|Feature|