Die Wächter

Der englische Schriftsteller Samuel Youd war in seiner Heimat vor allem in den 50ern und 60ern für seine Science-Fiction-Romane bekannt, die er unter dem Pseudonym John Christopher verfasste. Insbesondere der Endzeitroman „The Death of Grass“ von 1957, in dem ein Virus sämtlichen Weizen weltweit vernichtet, gilt in Großbritannien als einer der einflussreichsten SciFi-Romane überhaupt.

In Deutschland kennt man vor allem seine Jugend-Romane, allen voran die Tripods-Trilogie (dt. „Die dreibeinigen Monster“), die Ende der 60er entstand und auf einer Erde spielt, die von außerirdischen Invasoren versklavt wurde. Die Geschichte wird aus der Perspektive eines 14-jährigen Jungen erzählt, der sich aufmacht, die letzten freien Menschen zu finden, mit denen zusammen er dann im Verlauf der Handlung die außerirdischen Unterdrücker besiegt.

Die Umsetzung der Romane als Fernsehserie durch die BBC („Die dreibeinigen Herrscher“) erreichte in Deutschland Kultstatus, obwohl die Serie seit den 80ern nicht mehr im deutschen Fernsehen zu sehen war und erst kürzlich hierzulande als DVD veröffentlicht wurde. Ähnliches gilt für die Romane selbst, die lange nur als Sammlerstücke zu horrenden Preisen zu haben waren.

Der Roman ‚Die Wächter‘ von 1970 hatte einen ähnlichen Ausgangspunkt wie ‚Die dreibeinigen Monster‘. Auch hier steht ein jugendlicher Held im Mittelpunkt, der sich gegen das autoritäre System auflehnt, in das er hineingeboren wurde. Auch hier ist das zentrale Thema der freie Wille und die Abenteuer, die der Held erlebt, sind quasi eine Metapher für den Übergang von der Kindheit zum Erwachsenwerden, eingebettet in eine dystopische Welt.

Die Geschichte spielt in einer nahen Zukunft, London ist ein durchtechnologisierter, überbevölkerter Moloch, in dem das Lesen von Büchern als Obskurität gilt und Ausschreitungen an der Tagesordnung sind. Als der Vater des 14-jährigen Rob Randall unter verdächtigen Umständen stirbt, wird Rob in ein strenges staatliches Internat eingewiesen, in dem die älteren Schüler die jüngeren terrorisieren. Rob beschließt zu fliehen und die stark bewachte Grenze zum „Distrikt“ zu überwinden. Dort leben die Menschen im Einklang mit der Natur, Autos wurden durch Pferdekutschen ersetzt und auch sonst lebt man wieder mehr oder weniger wie im 19. Jahrhundert – aber nachdem Rob die Flucht dorthin gelingt, wird ihm nach einiger Zeit klar, dass auch diese Welt nicht so heil ist, wie sie zu sein scheint.

1985 produzierte die ARD eine 6-teilige Verfilmung des Romans. Deutsche Adaptionen von Science-Fiction-Stoffen sind bis heute rar gesät, steht doch das ganze Genre im Verdacht per se trivialer Schund zu sein. Das dürfte auch der Grund sein, warum in der Serie weniger die Abenteuer des Helden bzw. die „Action“ im Vordergrund stehen, sondern stattdessen die Funktionsweise des konformistischen, autoritären Systems dargestellt wird.

Dabei ergibt sich aber das Problem, dass man die Serie eher ohne Emotionen schaut und mit dem Protagonisten mehr halbherzig mitfiebert. Daran dürfte es auch liegen, dass diese Serie im Gegensatz zu „Die dreibeinigen Herrscher“ weitgehend in Vergessenheit geriet. Für SciFi-Fans ist sie aber durchaus trotzdem einen Blick wert. Die vielen bekannten deutschen Schauspieler wie Robert Atzorn, Peter Bongartz und Karl Lieffen machen ihre Sache allesamt gut. Der Hauptdarsteller war ein junger Engländer namens Martin Tempest (was sich nach einem typischen 80er-Jahre-Pseudonym anhört) – echte Helden kamen damals wie heute eben aus England oder der USA.

Die Serie hat einen typisch deutschen 80er-Charme und ist für SciFi-Nostalgiker vielleicht gerade deshalb interessant. Für Fans von John Christopher sowieso.

„Die Wächter“, 2 DVDs, Genre: Science Fiction , Laufzeit: 300 Min. , Bildformat: 4:3, Tonformat: DD 2.0 Mono, Sprache: Deutsch, FSK: ab 12 Jahren, Studio: Studio Hamburg, VÖ: 15.04.2011.

Von |2018-11-30T18:21:20+00:0021. April 2011|Feature|